Markus Gley

Die Bilder von Markus Gley saugen den Blick an, man kann ihnen nicht entgehen. Grelle psychedelische Farben reizen die Netzhaut, und selbst ein Flashback zum anmutenden Goa-Style blendet nicht das profunde Thema aus, das Markus Gley selbst ist.

Seelenschau. Markus Gley liefert sich in extremster Weise dem Betrachter aus. Kompromisslos graviert er seine Wut, seinen Schmerz ins Bild. Seine Bilder sind autobiografisch begründet, entstehen aus Erfahrungen des täglichen Lebens, von Gewalt, verlorenen Freunden, verlorener Liebe.
Markus Gley verwirklicht die Maxime von Joseph Beuys ʼKunst ist Leben – Leben ist Kunstʼ. Nicht als intellektuell ästhetisiertes Lebenskonzept, sondern ganz unmittelbar, fast kindlich spielerisch, sich naiv offenbarend, alles riskierend – nur der Wahrheit verpflichtet. Seine Ausdrucksweise ist die einer ʼoutsider artʼ, einer ʼart brutʼ, die Bezüge aufweist zur anonymen Kunst der Aborigines, zu Tatoos, zu Primitiver Kunst ebenso wie zu Dubuffet, Chaissac, Soutter oder zu Mirò , Penck und vor allem zu Kinderzeichnungen, die ehrlich und offen ihre Empfindungen, ihre Freude aber auch ihre Ängste und Nöte preisgeben.
Die Bilder von Markus Gley sind radikale Selbstbildnisse, reduziert auf Kopffüßler, Strichmännchen, deren psychische Bedingtheiten sich expressiv in der Gestik der Fühler, Krallen und Füße artikulieren. Seine Figuren haben keine schützende Haut, ihre Bestandteile finden keinen Halt in dieser Welt – keine Gewissheit, keine Verlässlichkeit. Die Bilder von Markus Gley sind Psycho-Landkarten. Er baut seinen Freaks Straßen, Gebäude aus Tränen, aus der Leinwand ragende Blöcke, überflutet von Blutströmen (”Bleed the Freak”), in denen der Wicht versucht einen Weg zu beschreiten, eine Tragfläche zu finden, auf der er (be-)stehen kann. Der ulkige Kauz, mal Dämon, mal Monster, schwebt tranceartig bildfüllend in einer Urmasse aus schleimigen Saugnäpfen, taktilen Sensoren und Membranen, von Elementarteilchen und Mikrokosmen, die das Bild zu einem ornamentalen Monument machen.

Jedes Bild ist eine Variation des Befindens des Künstlers, stellvertretend für all diejenigen, für die er malt. Achtung, diese Bilder sind gefährlich. Nicht nur, dass man sich an den aus der Leinwand ragenden Glasscherben verletzen könnte, sondern weil der Betrachter mit seiner eigenen Verletzlichkeit, mit der Fragilität seiner Existenz, konfrontiert wird. Gley rührt an basale Fragen des Menschen nach Orientierung, nach seiner Position
im Universum.
In den neuen Arbeiten löst sich der Protagonist von der Oberfläche der Leinwand, wird körperlich, gewinnt Substanz, erwächst dem ʼkonstanten Komaʼ, der Ohnmacht, überwindet Barrieren und schreitet munter über seinen ʼbackgroundʼ hinweg, gewinnt Distanz, ohne die Vergangenheit zu leugnen. Man meint er lächelt schon, ganz beschwingt, noch vorsichtig, im kleinen Format.

Er verkörpert ganz einfach die Passion des In-der-Welt-seins.

 

Joachim Becker
April 2010

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